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Archive for 13. Juli 2007

 

Hallo, heute möchte ich mal was neues auf meiner Seite probieren. Schon seit Jahren schreibe ich gerne Geschichten rund um den Charakter Rio, der etwa 25 ist und ein…ähm…Leben führt.

Wie genau hoffe ich dass irgendwann mal aus den Texten herauskommt, die ich in der nächsten Zeit immer mal wieder hier veröffentliche. Dabei werde ich wohl die Texte meiner jetzigen Schreibweise anpassen, aber nicht so stark, dass sie andere Stimmungen nicht mehr wiedergeben, die ich damals beim Schreiben vielleicht hatte. So gut ist mein Gedächtnis auch nicht. Der Text heute ist eine gewisse Feuerprobe, weil ich selber Angst habe, wie der Text wirkt, wenn ich ihn das erste mal in meinen RSS-Reader lesen werde. Ich hoffe, aber dass sie gefällt.

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Heute mache ich mir kein Abendbrot, heute mache ich mir Gedanken!

Wolfgang Neuss

Der Bus nervt! Er nervt, weil er immer die gleiche Strecke fährt, denkt sich Rio. Nur einmal ist es ihm bis jetzt passiert, dass der Busfahrer sich mit den Worten entschuldigte, dass sich „der Kutscher“ verfahren hat. Dieser Kutscher meinte, eine andere Linie zu fahren. Wie lustig das war, lässt heute noch Rio lächeln, wenn er daran denkt. Das Langweiligste sind halt an sich Busse oder Bahnen oder so, die auf Schienen fahren. „Wie auf Schienen fährt Schumi das Rennen zu Ende“, wurde früher schon immer bei Formel1 Rennen gesagt, aber dieses eigentliche Lob der Kommentatoren ist die Langeweile in Reinform. Denn ein Rennen zeichnet sich dadurch davon aus, dass wenn die Schienen verlassen werden, ein Wagen den anderen überholt, einen Unfall baut und solche ähnlichen Sachen. Aber man kann wohl bei nichts besser schlafen als bei Autorennen, wo die Boliden wie auf Schienen fahren. Rio dreht an dem Rad seines iPods, weil ihnm gerade eingefallen ist, was er gerne hören würde, wenn er so daran denkt – Tomte. Denn der Sänger, der Thees, meinte auch mal live beim Rock am Ring, dass es nichts Langweiligeres gäbe, als Formel1-Rennen. Recht hat er.

Okay, also Tomte läuft in Rios Ohr und eine interessante Zeile erklingt: „Nichtsdestotrotz, was für ein schönes Wort“, heißt es in dem Song „Warum ich hier stehe“. Der Song ist super, er sollte nie ausgekoppelt als Single erscheinen, weil dann bleiben zwei Weisheiten immer da, wo sie sind, im Kopf des Hörers, der dann die Erkenntnis – „die Sonne scheint so oder so“ – für sich behalten kann, oder auf einer Party, in der das Gespräch aufs schlechte Wetter gelenkt wird, zum Besten geben kann. Die Tropfen an der Scheibe lassen Rio dieses Partygespräch bildlich vor Augen führen, aber eigentlich entzückt doch mehr das Wort „nichtsdestotrotz“.

Eigentlich, fängt Rio an zu denken, ist das ein geiles Wort, ein Wort, das einen Preis gewinnen sollte, aber wie und warum? Rio sinniert, wenn man das Wort jetzt als Durchhalteparole sehen könnte, dass man Nichts mehr hat, aber dessen zum Trotz trotzdem etwas macht. Erstaunlich, wie dieses Wort einen Mikrokosmos aufmachen könnte, für Menschen, die ohne etwas dastehen, aber nicht aufgeben. Wie vielleicht der Halbbruder von Homer Simpson, der durch Homer pleite ging, aber dann als Penner durch eine Erfindung zurückkehrt. „Man braucht nur eines, um wieder nach oben zu kommen: eine Idee“, meinte Herbert Powell und merkte schon gleich danach, dass man auch noch Geld braucht, um die Idee umzusetzen. Interessant, wie dann das Nichts durch dessen Trotz zum Erfolg wird. Wollte das das Wort sagen?, fragt sich Rio und macht sich lieber eine Notiz in seinem Notizbuch, weil richtig zufrieden ist er mit seiner Antwort nicht, seiner These, ob es doch ein tolles Wort ist und die gerade gedachte Anekdote für eine Laudatio zu diesem Wort reichen könnte.

Worüber Rio bei dieser nachdenklichen Phase schmunzeln muss, ist eigentlich, dass Thees mit diesem Wort der neuen Platte von Tocotronic einen Strich durch die Rechnung macht, denn die Kapitulation ist eigentlich der Gegensatz zu der gerade zusammen-gedachten These von Rio. Interessant, wenn gute Freunde sich in ihren Alben bestimmt unwissentlich gegeneinander ausspielen, denkt sich Rio und sein Blick schweift durch den Bus.

Welches Wort wirklich keinen Preis verdienen sollte, also keinen positiven, eher die goldene Himbeere der Wörter, fällt Rio ein, als er eine Metall-Braut ganz in Schwarz begutachtet, die auch Musik hört, aber bestimmt nicht Tomte. Jedoch das Wort, was keinen Preis verdient, ist „Trauerfeier“. Das ist zynisch, denkt sich Rio, wenn Menschen angeblich feiern, wenn zum Beispiel wer gestorben ist. Das macht doch keiner. Man feiert Geburten, Beförderungen, den Zusammenschluss zweier Lebensabschnittspartner und den Aufstieg von St. Pauli, aber keine Trauer, keine Leichen, keine Menschen, die aus dem Leben geschieden sind. Das Wort ist so paradox, denkt sich Rio immer weiter in die Idee rein, weil es einfach nicht zusammen passt. Klar in dem Film „Snatch“ hat Brad Pitt den Tod seiner Mutter „gefeiert“, wenn man die Bilder der betrunkenen Gypsies so deutet, aber eigentlich war es Leid und Trauer, keine Feier. „Trauerfeier im Duden nachschauen“, schreibt sich Rio in sein kleines Buch, denn weiter kann er jetzt nicht über das Wort nachdenken, denn der langweilige Bus und dessen langweilige, emotionslose Stimme haben seine Ausstiegstation angesagt und Rio denkt nur noch bei sich, als er aussteigt und seinen Schirm zum Schutz vor dem Regen aufspannt: Kann diese Stimme nicht mal Liebeskummer haben und die Fahrgäste anschnauzten, das wäre mal lustig und so gar nicht langweilig.

.andi

 

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